
Barfußtheater
Was ist das und für wen?
Als Sarah in meine Theatergruppe kam, war sie erstaunt, dass wir immer barfuß probten.
„Aber auf der Bühne haben wir dann Schuhe an“, sagte sie.
Die anderen lächelten wissend.
„Das haben wir auch gedacht. Aber auch bei den Aufführungen: Keine Schuhe.“
„Wieso das denn?“, fragte Sarah.
„Weil du dann besser bist“, antwortete ich.
„Wie?“ fragte Sarah verwirrt.
Ein Ensemblemitglied erklärte:
„Ich fand das zuerst auch seltsam. Aber es stimmt. Ich spüre mich besser, bekomme eine ganz andere Körperhaltung und irgendwie macht es mehr Spaß.“
„Versuch es einfach“, sagte ich. „Und wenn es gar nicht geht, finden wir eine Lösung.“
Sarah versuchte es.
Erst war sie etwas verschüchtert — und vergaß dann schnell, dass sie barfuß war.
Nach ein paar Proben kam sie zu mir und meinte:
„Ich hätte echt nicht gedacht, dass das so einen Unterschied macht. Ich fühle mich sicherer. Viel mehr ich selbst.“
Ich lächelte.
„Das freut mich.“
Nach einer kurzen Pause sagte ich:
„Ich kann es sehen.“
Sarah schaute fragend in die Runde.
Die anderen nickten.
Und nun lächelte auch Sarah.
Für wen ist das?
Für eine 62-jährige Mathematikerin genauso wie für einen 25-jährigen Studenten. Die Unterschiedlichkeit ist Programm.
Da ist Hamlet oder Lady Macbeth. Pentesilea oder Faust.
Da bist du.
Und dann schauen wir zwölf Wochen lang, wer du als diese Figur bist.
Barfußtheater statt Selbstoptimierung.